Editorial 1

…gegenstrom

die erste

öffentlich-private andere anthroposophische Zeitschrift

Herausgeber, Redakteur und Autor: Fabrizio Venturini

Alle Artikel sind frei und kostenlos zum Herunterladen

Missbrauch & Plagiat werden juristisch verfolgt, Lob & Kritik & Spenden gedankt

 

Juli 2012

… gegenstrom   Juli 2012

(Titelfoto: Siegward Sprotte, Salutation to Karl Blechen, 1981)

 

Editorial 1

(30.06.2012)

 

Dies ist der Start einer neuen Internet-Publikation. Die Intention zielt darauf ab, eine „ÖFFENTLICH-PRIVATE ANDERE ANTHROPOSOPHISCHE ZEITSCHRIFT“ (so der erste Titelentwurf und jetzige Untertitel) auf den Weg zu bringen.

Wie kam es zu dieser Idee? Um etwas Distanz wirken zu lassen, könnte man die Antwort in eine Art Romananfang einkleiden und erzählen:

"Nach diversem Ärger mit Redakteuren, die seine Artikel nicht bringen wollten (weil sie zu lang seien / zu spät eingereicht / nicht wissenschaftlich genug / mit zu vielen Anmerkungen versehen, usw.), beschloss er, eine eigene Zeitschrift zu machen und sie frei zugänglich ins Internet zu stellen.“

Welche Absichten stehen dahinter?

Der Herausgeber, ein langjährig tätiger anthroposophischer Dozent, fungiert als Redakteur und Autor zugleich. Er möchte – nicht zur Selbst­dar­stellung, aber authentisch – sprechen und schreiben dürfen über Dinge, die ihn bewegen und über die man so, wie er es sieht und sagt, leider nur Weniges in den vorhandenen Zeit­schriften findet. Es sind in der Regel solche Themen, über die  man in der sich so aufklärerisch dünkenden Gegen­wart am liebsten nur Spärliches und ledig­lich Oberflächliches in die Öffent­lich­keit dringen lassen will. Auch in der anthroposophischen Publizistik, so gewinnt man zunehmend den Eindruck, scheut man sich, über Dinge, die nicht im „main-stream“ liegen, offen zu schreiben. Eine radikal andere Sicht wird behindert. Dem möchte die Zeitschrift abhelfen.

Es sind Beiträge beabsichtigt:

-         Über den Geist, wie er herein wirkt aus der geistigen Welt im einzelnen Men­schen und in Gruppen und wie er vom Zeittrend zu knebeln versucht wird.

-         Über die Seele in seelisch übervollen Schicksalsverhältnissen und im seelenlosen Ka­pita­lismus.

-         Über die Sinne und den Sinn und wie sie vergeudet werden für Unsinniges einerseits und wie sie bei echten An­streng­un­gen für sinnlos erklärt werden andererseits.

-         Über das Ich, Individualität.

-         Über das Wir, anthro­posophische Gemeinschaft.

-         Über Missstände, die man verschweigt.

-         Über Wun­der­bares, das man nicht sieht.

-         Über Großes, das kleingeredet wird und über Kleinliches, das sich groß aufbauscht.

-         Kurzum: Über das Verhältnis zwischen Ich und Ich, Ich und Du, Ich und Wir, Wir und die Anderen und Alle.

Es ist dem Schreiber im Übrigen auch sehr viel an Klang, Rhythmus, Schönheit, Variation und Originalität gelegen.

Ist diese Blogger-Zeitschrift einfach nur sein persönliches Tagebuch?

Nein, sie wird aus in sich abgeschlossenen Artikeln bestehen, die man einzeln herausgreifen kann. Nur das (angestrebt) monatliche Editorial soll die Brücke schlagen von den privaten Notierungen zu den Themen, die Öffentliches behandeln. Öffentliche Angelegenheiten öffentlich zu besprechen, das gehört zur Demokratie. Die individuelle Stimme nicht zu ver­schweigen, das gehört zur Emanzipation.

Es ist kein ideologischer, kein ökonomischer, kein wissenschaftlicher Versuch, sondern eher ein literarisch-poetischer.

Nach Aristoteles hat das Ich zwei Seiten (wie das Gehirn zwei Hälften): einerseits das erleidende Ich (nous pathetikon), andererseits das schöpferische Ich (nous poetikon). Nach Steiner ist das Ich (oder sollte es sein): 1. der Lenker und Beherrscher des Leibes, 2. der Träger unseres seelischen Kleides, 3. das Aufnahmegefäß oder der Kelch für den Geist. Aus dieser Doppelheit und Dreiheit heraus soll gearbeitet werden. (Die Zeit­schrift begleitet auch eine Dissertation über das Ich in der Erziehung.)

Warum nennt sich die Zeitschrift eine "andere" anthroposophische Pub­likation? Wird eine "andere Anthroposophie" angestrebt? Nein und Ja. Ziel ist nichts anderes, als die echt ge­sinnte Anthroposophie, diese hebt sich aber ab von vielen Erscheinungsbildern der Anthro­posophie in der gegenwärtigen Praxis. Die Gefahr lauert, die Anthroposophie "light" zu ma­chen, damit sie gängiger wird. Die Zeitschrift will aber eine "angestrebte Anthroposophie", statt einer "angepassten". Sie möchte weniger der Gegenwart hinterherlaufen, stattdessen mehr die Zukunft vorbereiten helfen, wie es eigentlich die Aufgabe aller anthroposophischen Einrichtungen sein sollte.

Sicher ist die Zeitschrift aus einem gewissen (oben angedeuteten) Unmut entstanden, aber sie möchte nicht solchen verbreiten, sondern Mut machen. Ohne Mut wird nichts gut.

"Leben ist immer lebensgefährlich", sagt Erich Kästner, und so trägt auch das literarische Schreiben, besonders wenn es gelingt, ein Warnschild für den Leser bei sich: "Vorsicht Hochspannung!"

Hier wird das aber nicht im Sinne von schlichter Unterhaltung gemeint und es handelt sich auch nicht einfach nur um Strom, sondern um "GEGENSTROM" – und das ergibt dann einen gleich doppelt ableitbaren Namen für diese Zeitschrift.

"Lernen heißt nicht, sich treiben lassen, sondern rudern gegen den Strom". Dieses altchinesische Sprich­wort zeigt die Richtung der Bemühungen an.

*

Zwei Beiträge stehen im Mittelpunkt dieser Ausgabe: Ein Artikel über die Bedeutung der Sixtinischen Madonna für den Waldorfkindergarten („Hülle oder coolness?" und eine kritische Betrachtung zum gegenwärtig stark forcierten Ausbau der insti­tutionalisierten frühkindlichen Erziehung in Deutschland („Im Zeittrend: die Entkindung der Welt?" Bei beiden deutet sich eine für die anthro­po­sophische Arbeit besorgniserregende Symptomatik an, nämlich dass das Kind zu Gunsten des Geldes aus dem Mittelpunkt gerückt und an den Rand ge­schoben wird.

Man stelle sich vor: Eines der berühmtesten Bilder der Welt ist zum Kennzeichen in der Waldorfpädagogik geworden und jetzt ist dieses Bild 500 Jahre alt und die anthroposophischen Zeitschriften drucken nicht mal einen vorhandenen Artikel dazu ab. Lydia Fechner, die Redakteurin der „Drei“ hatte im Osterheft dieser traditionsreichen anthroposophischen Zeitschrift gestan­den, mit dem Gemälde von Raffael nicht viel anfangen zu können und statt­dessen den „Zinsgroschen“ von Tizian angepriesen. Meine Leserbrief-Ent­gegnung darauf wurde so gekürzt, dass der Eindruck entstand, ich wolle bloß die gedankenlose Einhaltung eines angeblich existierenden anthropo­sophischen Kunstkanons einfordern. Daraufhin schrieb ich dann den jetzt hier eingestellten Artikel, den außer dem Herausgeber der „Christengemeinschaft“ (der mich aber auf Herbst vertröstete), niemand abdrucken wollte. Das war der Anlass zur Selbsthilfe und zum Start von „… gegenstrom“.

Der Artikel zur frühkindlichen Erziehung ist aus der Wahrnehmung entstanden, dass auch anthroposophische Einrichtungen dem propagierten Trend und vor allem den staatlichen Fördergeldern erliegen und immer mehr Krippen und Windelgruppen ausbauen. Alle reden von der erhofften beruflichen Entlastung für die Eltern, aber kaum  jemand fragt sich, was das für die betroffenen Klein­kinder bedeutet, welche Folgewirkungen das hat und wie sich das Ganze aus menschenkundlicher Sicht darstellt. Erreicht man dadurch wirklich eine Saluto­genese? Gäbe es nicht bessere gesellschaftspolitische Lösungen, die nicht auf Kosten der Kinder geht? Ist die Ablösung der Familie als erste Erziehungsinstanz und seine Ersetzung durch die öffentliche Erziehung in institutionalisierter Form tatsächlich ein Weg in die Zukunft? Oder eher das Gegenteil?

Wie erzieht man eigentlich zur Freiheit? Sollten auch Anthroposophen wieder vergessen haben, dass das nur in der Metamorphose geht und am Anfang die Geborgenheit zur Voraussetzung hat?

Will man denn überhaupt noch eine Erziehung zum freien, selbstständigen, individuellen Menschen? Oder fördert man bloß die Anpassung?

Das sind die ständigen Themen von „… gegenstrom“.

 

                           *

 

Damit man sieht, dass auch der literarische Anspruch ernst gemeint wird, und weil die Kampagne gegen Günter Grass inzwischen zu einer gegen das Ansehen und das moralische Gewicht der Dichter und Denker überhaupt geworden ist, wird das im Mai geschriebene Gedicht "pro günter grass" als weiterer Beitrag hinzugestellt.

Fabrizio Venturini

26.6.12 00:25, kommentieren

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Hülle oder coolness?

 


Fabrizio Venturini

Hülle oder coolness?

Zur Bedeutung der Sixtinischen Madonna für die Waldorf­kindergartenpädagogik

 

Es gibt Menschen, die sich schwer tun mit vielgezeigten berühmten Bildern. Manche können zum Beispiel die Mona Lisa von Leonardo nicht mehr sehen und wollen sich auch nicht mehr darauf einlassen. Sie haben genug davon, ohne sich je näher damit beschäftigt zu haben. Und ähnlich meinen manche mit dem Gemälde der Sixtinischen Madonna von Raffael nichts anfangen zu können und können kaum nachvollziehen, warum kunstvoll eingerahmte Druck­kopien davon in vielen Waldorfkindergärten hängen. Ein Madonnenbild, das vor 500 Jahren für den Altar der Klosterkirche San Sisto in Piacenza gemalt wurde (daher der Name), in der Reli­qui­en des heilig gesprochenen Papstes Sixtus und der ebenfalls heiligen Märtyrerin Barbara auf­bewahrt werden und das  kaum beachtet mehr als 250 Jahre lang dort hing, bis der säch­si­sche Kurfürst Friedrich Albert II. (der spätere König von Polen, Albert III.) es aufkaufte und nach Dresden brachte, wo es, bejubelt von den Zeitgenossen Goethes, in die Gemäldegalerie gestellt wurde, – ein solches Bild in einer nicht­-kirchlichen heutigen Erziehungsstätte, warum eigentlich? Was macht dieses Bild ge­eignet zum Impulsgeber in der Waldorfpädagogik?

Wenn man Schwierig­keiten mit dem Sehen hat, braucht man vielleicht eine Sehhilfe. Das meint hier keine Brille, sondern im übertragenen Sinne ein hel­fendes Instrument, das das eigene Wahrnehmen verstärkt. Eine solche Hilfe ist in der Kunstbetrachtung das vergleichen­de Nebeneinander- bzw. Gegenüber­stellen.

Informationen über die Entstehung des Werkes und über manche Hintergründe des Malers und seiner Zeit sind gewiss hilfreich, doch zu viel davon kann das Wahrnehmen auch behin­dern, wenn der Betrachter dadurch zu kopflastig an das Dargestellte heran­geht. Das Sehen verlebendigt sich am besten im selbst tätigen, schrittweisen Prozess.

Ich habe jahrelang in einer Ausbildungsstätte für angehende Waldorferzieher die Sixtinische Madonna mit den Seminaristen gemeinsam angesehen und besprochen und dabei ganz ver­schie­dene Mittel des Vergleichens angewendet. Man kann damit drei Ebenen auf dem Bild erschließen.

 

Erste Ebene

Man kann zunächst auf einer sti­listisch–künstlerisch betrachtenden Ebene bleiben und eine Reihe von Madonnenbilder vor und nach Raffael sowie von ihm selbst miteinander vergleich­en. Das öffnet den Blick für das künstlerische Um­feld und für die Vielfalt der Behandlung desselben Motivs.

So kann man wahrnehmen, dass ein Kind, das auf der rechten Seite getragen wird, viel stär­ker auf den Betrachter hin orientiert wirkt, als eines auf der anderen Seite. Bei Darstel­lung­en, auf denen sich das Kind links von der Mutter befindet, dominiert der Eindruck des Be­wahr­en­den; die Be­ziehung wirkt privater, mehr in sich abgeschlossen, wie eine Idylle. Dies ist  bei der Sixtinischen Ma­don­na  aber offenbar gerade nicht gemeint:  „Ich bin nicht bloß das Kind meiner Mutter, sondern eines, das Dich angeht“, scheint hier das Kind in seiner Gestalt und Haltung zum Betrachter zu sa­gen. (Man vergleiche damit zum Beispiel die „Madonna del Granduca“, die „Maria mit dem Christus­kind“ in der Alten Pinakothek in München, die „Ma­donna mit dem Kind aus dem Jahr 1504“, die „Madonna Tempi“ und andere Gemälde, die Raffael vorher gemalt hat.  So einfach die Darstellung wirkt, sie wurde erst auf dem Höhe­punkt seines Schaffens gefunden.)

Wei­­ter sieht man recht schnell eine gewisse Mittehaltung im Stil von Raffael, wenn man links und rechts beispiels­weise ein Leonardo- und ein Michel­angelo-Bild daneben stellt.  In Kom­position und Aus­füh­rung hält er mit diesen stand und die drei Meister scheinen sich sogar gegenseitig zu ver­stär­ken. (Ergiebig sind Leonardos „Anbetung der Könige“ und Michelange­los Sibyllen-Bilder, die schon im bloßen Danebenstellen besonders die Gestalten von Sixtus und Barbara so interessant beleuchten, dass man die Koinzidenz der Gegensätze, die bei Raffael sowohl  im Gro­ßen als auch im Einzelnen vorliegt, bemerkt.) Dieses aktive Versuchen und Finden durch Hinzu­setzungen durch den Be­trachter macht nicht nur Spaß, sondern er­scheint hinterher sogar fast wie abverlangt durch die bei­den Putten auf dem Bild. (Viele Ge­mälde von Raffael regen, mehr als man zunächst denkt, zu Aktivität an.)

Aufschlussreich ist auch das zeitweilige Ab­decken eines Teils des Bildes oder das Ver­gleichen von Fußstellungen, Kopf­haltungen und Handgesten. Wie ist das Bild aufgebaut? In welchem Ver­hältnis steht die rechte Seite zur linken, und in welchem das Obere zum Un­ter­en? Wie ist die Verteilung der Farben auf dem Bild? Wie stehen die Formen der Schleier, Gewänder und Vorhänge zueinander? Das sind helfende Fragen. Sie erschließen die subtilen Gleichge­wichtsver­hält­­nisse des Bildes, die auf den Betrachter wirken. (Man muss die erwähnten me­thodischen Schritte aber wirklich auch selber tun, damit sie sprechend werden!)

 

Zweite Ebene

In einem zweiten Angang bewegt man sich mehr auf einer inhaltlich-interpretativen Ebene. Man hat vielleicht die vielen zarten Kinderköpfe in der Sphäre entdeckt, die man zuerst nur für den blauen Himmel hielt, und man hat registriert, dass die Ma­donna auf Wolken steht oder schreitet. (Steht sie oder schreitet sie? – Das wäre noch so eine wertvolle Frage, die man schon bei der stilistischen Betrachtung stellen kann.)

Nimmt man aufgrund des Standortes des Bildes das Wissen herein, dass Sixtus und Barbara Verstorbene sind, die dem zur Erde kommenden Kind begegnen, dann kann man auch die Frage stellen, ob auf dem Bild überhaupt (noch oder schon) irdisch verkörperte Gestalten abge­bildet sind? Ist denn mit dieser Madonna wirklich eine äußere Frau und in ihrem Kind ein physisch-leiblicher Junge dargestellt? Oder sind vielleicht alle Gestalten auf diesem Bild nur scheinbar so physisch wie der grüne Vorhang, die Vorhangstange, die Wol­ken, die Tiara und das Holzpodest, auf dem sie steht und das vielleicht der Deckel von einem Sarg ist? (Man muss sich vergegenwärtigen,  dass das Gemälde für einen Reliquienaltar bestellt wur­de!) Da sich die zwei Engel darauf abstützen, scheint das sogar das phy­sisch Realste auf dem Bild zu sein. Die Papst­krone, der winzige Barbaraturm (vielleicht ein Holzmodell) und der links und rechts fest­geschnürte Vor­hang könnten nur symbolisch-charakterisierend ge­meint sein – als  Attri­bute der beiden Nebengestalten und als ein genialer Trick, die ganze Szenerie als ein „ge­of­fen­bartes Geheimnis“, also als eine „Enthül­lung“ im Sinne der Offenbarung des Johannes, zu kennzeichnen. (Vgl. im Neuen Testament Kap. 1,1 der Offenbarung, wo aus­drück­lich von der „Wesens-Offenbarung“ gesprochen wird.)

Wenn man bedenkt, dass der Tod von Papst Sixtus II. und der der Heiligen Barbara minde­stens ein Jahrhundert auseinander und gegen­über Raffael mehr als 1200 Jahre zurück liegen, während die gemalten Gestalten sogar Züge von Zeitgenossen des Malers tragen, dann ver­stärkt sich auf dem Bild der Eindruck von der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. So etwas aber gibt es nur im Geistigen, es ist geradezu kennzeichnend für das Geistige. Man darf sich also nicht täuschen lassen. In diesem Gemälde wird offenbar rein Geistiges körperhaft dar­gestellt. Es handelt sich um Geist-Realismus, nicht in der Hauptsache um äußerliche Portraits von Personen. (Die Bezüge zu den Zeitgenossen haben einen tieferen Grund, liegen nicht im Portraitieren. Siehe weiter unten.)

Hat man sich das im inneren Nebeneinanderstellen verdeutlicht, dann rückt das Bild auf ein­mal weg vom vermeintlichen gewöhnlich vorgestellten Weihnachtsbild. Es wird klar: Das ist nicht die Bethlehem-Maria ohne Joseph, sondern eine Mariengestalt, wie man sie im Ev­an­ge­lium ganz woanders findet, nämlich in der Offenbarung des Johannes, die an Pfingsten an­schließt.

Denn nach der Auferstehung an Ostern geht es darum, wie der Auferstandene zu uns, den auf der Erde lebenden Menschen, kommt, nachdem er an Him­mel­fahrt sogar den Blicken der Jünger entschwunden war.

Darauf gibt es im Evangelium drei Bilder als Ant­wor­ten: Erstens, dass er greifbar werde als Hostie im Kelch, als „geistig Brot und Wein“ unter de­nen, die sich in seinem Andenken ver­sammeln.  (So wird er von den Christen empfangen in der Eucharis­tie-Feier.) Zweitens als „Feuerflamme“ der Pfingstbe­gei­sterung, als schöpf­er­isch­es Herzenswort im Innern. (So wird es an Pfingsten erlebt unter dem Aspekt des Hei­ligen Geistes.) Und drittens als „Geisteskind im Seelen­schoß“, wie Rudolf Steiner das tref­fend nennt, als ein geistiges Kind-Ich-Wesen, wie es die wieder auferstandene, nach ihrem Tod sich verjüngt habende Maria als – aller­dings nur geistig wahrnehm­bare - Seele in die vom Bösen versuchte Welt hereinträgt. (Vgl. im Neuen Testament Kap. 1,7 der Offen­barung des Johannes, 1,7, wo es heißt: „Siehe, er kommt im Wolkensein. Alle Augen sollen ihn schau­en.)

Diese prophezeite Erfüllung von Christi Wirken nach der Auferstehung führt in der Kunst da­zu, das Geschehen als etwas Gegenwärtiges dar­zustellen und rechtfertigt somit die zeitge­nössischen Züge der sich darauf bezie­hen­den Bilder. So zeigt die Madonna dieselben Ge­sichtszüge wie die „Bäckerstochter“ Margherita Luti, die der Maler öfters portraitiert hat (zum Beispiel in den Gemälden „Donna velata“ und „La Fornarina), und die Orna­mente des Mantels von Sixtus tragen erkennbar die Insignien des damals lebenden Papstes Julius II., der das Bild nachweislich in Auftrag gegeben hat.

Die Versuchung des Bösen im Sinne des Evangeliums besteht im Vergessen, Verleugnen und Vernichten-Wollen dieses geistigen Kind-Ich-Wesens, das in jeder empfänglichen „Marien-Seele“ des Menschen aufgenommen und eingesehen werden kann. (Vgl. Angelus Silesius: „Ich muss Maria sein und Gott aus mir gebären“)

Die Gefahr des Nichtaufgenommenwer­dens deutet Raffael in der mondblassen Physio­gno­mie der Madonna ganz fein an; das sonnenhafte Kind, das sie trägt, wirkt diesbezüglich viel selbstsicherer und gelassener. Eine weihnachtliche Maria würde ganz anders schauen.

 

Dritte Ebene

Die dritte Ebene könnte man die pädagogisch-intentionale und symbolische nennen. Was für eine Weltsicht, was für ein Menschenbild kommt einem da entgegen, wenn man sich als heu­­tiger Betrachter auf das Dargestellte einlässt?       

Für das Verständnis, warum die Sixtinische Madonna an die Wand eines Waldorfkinder­gar­tens gehängt wird, fokussiert sich natürlich alles auf die Darstellung von Mutter und Kind: Was ist das eigentlich für ein Frauenbild? Veraltet oder modern? Was für eine Art von Kind begegnet einem da? Eine Frau mit so vielen Schleiern! Ein Kind mit so wilden Locken! Was wird hier eigentlich gezeigt? Wen meint ihr inniges Beisammensein und was haben die bei­den für eine Be­zie­hung zu einander? Wie stellen sie sich zur Welt und zum Betrachter?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es für das Wahrnehmen sehr aufschließend wirken kann, wenn man neben die Raffael-Madonna als Sehhilfe (und nicht um das andere zu dis­kreditieren) das Bild einer katholischen Ordensschwester oder das einer Frau mit Tschador oder Burka stellt. Auf einmal merkt man, dass das eine ganz andere Art von Schleier ist, den die Ma­donna trägt, und dass sie als Frau eine deutlich selbstbewusst-freiheitliche Qualität aus­strahlt. (Die Madonna verdeckt ihr Haar und ihre Körperform nicht, ihr Schleier schafft vielmehr einen schwungvollen Bogen, der etwas Inneres offenbart, das sie freigebig dem Betrachter entgegenträgt.)

Und ebenso kann man ein Kindergesicht von Sulamith Wülfing oder aus einem japanischen Manga neben das Kind stellen. Dann sieht man besser, wie einem mit diesem Kind bei Raf­fael ein wirkliches Ich, und kein niedliches Kindchenschema, entgegen blickt. (Die Körper­haltung des Kindes gleicht in seiner Selbstsicherheit den Darstellungen Christi als Pantokra­tor, seine Hände und Füße und seine Gesicht sind jedoch ganz irdisch-individuell; so zeigt es sich als sonnenkräftiges „Weltenkind“ mit individuellen Zügen in einer einzigartigen Ver­bin­dung.)

Durch den Vergleich mit religiösen Kleidertrachten, denen es nicht entspricht, rückt das Bild noch ein Stück weiter auf die Moderne zu. Es wird über das Religiöse im engeren Sinne hin­ausgehend zu einem Archetypus des Ins-Dasein-Tretens des Menschen über­haupt.

Denn den am meisten Staunen machenden Ausdruck bekommt das Bild der Sixtinischen Ma­donna mit ihren Schleiern, wenn man Fotoaufnahmen, etwa die von Lennart Nilsson, von sich entwickelnden Embryos im Mutterleib mit ihren Embryonalhüllen daneben stellt. Auf einmal sieht man, wie real das ist, dass das Kind, das auf die Erde kommt, viele leben­dige, Innen­raum schaffende Hüllen braucht. Da gibt es verblüffende Übereinstimmungen. Wer das einmal gesehen hat, wird es nie wieder vergessen, wie das Zu-sich-selbst-Kommen des Men­schen die Geborgenheit braucht, die dann in Freiheit entlässt.

 

 


 

Zuletzt kommt einem sogar der Gedanke, dass es vielleicht einen höheren Sinn hat, dass das Gemälde drei Stufen in seiner Wirkungsgeschichte durchgemacht hat: Es hat zuerst in der Kirche gestanden, dann im Museum und wirkt heute als Kopie in vielen Waldorfkinder­gärten in aller Welt. Sein Weg geht von der Religion über die Kunst in die Pädagogik.

 

Aktualität

Jetzt gibt es ein brandaktuelles Gegenstück zur Sixtinischen Madonna im Waldorfkindergarten. Das Titelbild der "Time" von Anfang Mai 2012. Es ist ein Foto, das der in New York arbeitende Starfotograf Martin Schoeller gemacht hat und das im prüden Amerika momentan viel Furore erzeugt. es zeigt einen dreijährigen, auf einem Stuhl stehenden Jungen, der an der Brust seiner Mutter saugt. Das Bild möchte einen zurzeit in den USA sehr verbreiteten Erziehungsstil veranschaulichen: das "Attachment Parenting" nach Bill Sears, das auch überlanges Säugen der Kinder beinhaltet. 

 


 

Der Vergleich des Fotos mit dem Raffael-Gemälde ist sehr spannend und zeigt zugleich deut­lich die völlig konträre Haltung dieses Erziehungsideals zur Waldorfpädagogik auf.  Die Aus­strahlung der portraitierten sechsundzwanzigjährigen Mutter, Janie Lynne Grumet, und ihres dreijährigen Sohnes ist eine völlig andere als die der Madonna mit dem Kind. Hier sind keine Rätsel, kein Schleier, keine Hülle, nur nackter Körperkontakt eines Kind-Männchens mit sei­ner tänzerisch posierenden, den Betrachter an­machenden Mutter mit dünnem Leibchen und nackten Armen.

Je länger man das Bild anschaut, desto faszinierender wird der Vergleich (zum Beispiel in der Fußstellung oder in dem, ähnlich wie die Putten bei Raffael, schlaff und gelangweilt drein­schau­enden Kind). Auch der Titel des Magazin "Are you Mom enough?" ist passend, wenn man die Sixtinische Madonna als eine Darstellung der Mütterlichkeit und der Seele-Geist-Beziehung nimmt. Der Junge auf dem Foto ist ein vom Leben bereits geschaffter kleiner Mann und seine Mutter ein erfolgreiches Modell, ihre Beziehung erscheint körper­lich kum­pel­haft, seelisch cool. Statt Geborgenheit und Schwung dominieren hier Entblößung und Pose. Die Mutter auf dem Foto hat ihrem Kind nichts zu geben als nur einen winzigen Teil ihres Körpers. Der Junge wird auf den Stuhl gestellt, damit er mit ihr so weit mithalten kann, wie er es für sein Bedürfnis braucht. Er wird, wie man an seiner Militärhose und an seinen Stiefeln sieht, schon für die Army vorbereitet und übt schon das Gegenüberstehen von Mann und Frau. Seine Mutter steht echt klasse für sich da in ihrem schwarzen Body, doch ganz konträr zu der in mehreren farbigen Gewändern gekleideten Madonna. Es ist wirklich eine meisterliche Fotografie.

Die Frage ist nur: Was wollen wir für unsere Kinder? Geben wir ihnen warme Geborgen­heit mit seelischem Schwung, die das Kind sich in Freiheit zur Welt hinwenden lässt? Oder stellen wir es gleich  in die erwachsene coolness hinein, damit es (sich hochstreckend) lernt, sich früh selber zu ver­sorgen, wie dieser kleine Militär­anwärter, dem man schon Schreiben und Computergebrauch zutraut, aber noch an der Mutterbrust hängt?

Die Sixtinische Madonna bringt die Präsenz des Geistigen in den Waldorfkindergarten. Des­sen Atmosphäre impulsiert das Spiel und die Entwicklung der Kinder ganz anders, nämlich geistig freilassend durch das seelische Haltgeben.

Gefährdet wird das nur durch unverständige Erwachsene, wenn sie sich falsche Vor­stel­lun­gen über das Bild machen und das unbewusst in den Raum der Kinder ausstrahlt. Es geht nicht um ein Bild der „Maria mit dem Jesus“, sondern es ist die „Madonna mit dem Chris­tus“ dargestellt. (Vgl. Rudolf Steiner: „Raffael ist ein Herold, der verkündet hat den geistigen Christus, der von der Geistes­wis­sen­schaft wieder erfasst wird.“[3]) Das Erstgenannte wäre ja auch nur Vergangenheit und nicht ewige Gegen­wart, wie es die Kinder brau­chen und wie es die Künstler der Renaissance, die die „Zeit der Geburt der Individualität“ einleitet, zeigen wollten.

 

Erfahrungen im Waldorfkindergarten

Das ganze Bild ist eigentlich eine Geste, schon als solche also etwas, das genau die Tonart trifft, wie man mit Kindern im Kindergartenalter am sinnvollsten umgeht. Besser als viele Worte zu machen, ist es, eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich das sich entwickelnde Kind wohlfühlt. Die Kinder brauchen es als Rückhalt, dass die Erwachsenen, die sich um sie küm­mern, von der wahren Herkunft der Person aus dem Geistigen etwas wissen. Und dass sie es mit Ehrfurcht vor dem Geistigen in jedem Menschen behandeln. Das verbreitete Bild vom sich allmählich zum Menschen hin aufrichtenden Affen etwa (wie man es heute in vielen Biologiebüchern findet), würde die Kinder nicht in gleicher Art stimulieren, sondern zur Reaktion auf das Bild herausfordern, was bei der Sixtinischen Madonna im Waldorfkin­der­garten fast nie vorkommt.

Die besondere Qualität des Bildes zeigt sich nach meiner Erfahrung gerade auch darin, dass die Kindergartenkinder sich überhaupt nicht an dem Dargestellten stören. Wenn sie etwas davon aufgreifen und in ihr Spielen übernehmen, dann geschieht das absichtslos-unbewusst. Es zeigt sich zum Beispiel darin, wie die Kinder ihre Puppen mit Tüchern umhüllen und liebe­voll tragen. Oder darin, dass die Jungen sich auch einen Goldmantel wünschen und einen al­ten Filzhut hochwölben und dreistufig mit Edelsteinen schmücken, um eine besonders hoch­rangige „Königskrone“ zu erhalten. Falls  ein Kind ausnahmsweise einmal nach den beiden Nebenfiguren fragt, dann genügt es zu ant­worten: "Das ist der Heilige Sixtus.  Das ist die Hei­lige Barbara." Und wenn es dann weiterfragt: "Was ist ein Heiliger / eine Heilige?", dann antwortet vielleicht, wie erlebt, ein fünf-sechs-jähriges lapidar: "Das sind Verstorbene, die noch da sind." Denn das ist für Kinder überhaupt nicht verwunderlich, dass Geboren­werden und Gestorbensein sich begegnen. Auch dass es Engel gibt, ist für Kinder überhaupt nichts Verwunderliches.

(Die Besonderheit der beiden Engelchen bei diesem Bild, die losge­löst als Kitsch verbreitet werden, kann na­türlich Fragen aufwerfen. Sind die Putten wirklich von Raffael? Ja. Die Put­ten gehören zum Bild, sie vermitteln zum Betrachter hin. Aber auch sie sind eben nicht, wie bei den Bethlehem-Geburts-Darstellungen, ein Teil der jubelnden Engelsschar, sondern of­fenbar Wesen, die zu dem dargestellten Geschehen  in Abstand stehen. Der nachpfingst­liche Vorgang, um den es sich handelt, ist etwas, woran die Engel nicht beteiligt sind.)

Was denkt sich ein Kind, wer die Madonna sei? Einmal hat eine Mutter einige Kinder das ge­fragt und ein Mädchen hat sofort darauf geantwortet: "Das ist die Urmutter!" Die Kinder sind in gei­stigen Dingen viel wissender als die Erwachsenen meinen.

Denn dass es einen geistigen Entwicklungsstrang zwischen Eva – Maria – Sophia (als die wie­dergekommene Maria) gibt, ist der Religionsforschung bekannt.[4] Auch Rudolf Steiner hat das ausführlich dargestellt.[5] Der russische Sophiologe Paul Florenskj antwortete auf die Frage, wer denn die auf Ikonen ohne Joseph dargestellte Maria sei, diese wäre „die mensch­gewor­dene Sophia, die Ersterschaf­fe­ne und Ersterlöste, die Mitte und das Herz der Krea­tur“.[6] Die Alten Meister Chinas nannten sie „Dao“ (also ganz wörtlich „Urmutter&ldquo.[7] (Und das „Dao“ gilt bekanntlich Materialisten als ein „Nichts“ – während der eine ichhafte Pädagogik fordernde Max Stirner im Gleichklang mit Goethe postuliert, aus diesem „Nichts“ Alles zu schaffen.[8] Das Paradox, dass die „Urmutter“ immer jünger wird, beantwortet schon Her­mann Hesse: „Mit der Reife wird man immer jünger“.) So kommen in diesem Bild Geburt und Tod, das scheinbare „Nichts“ und der Anfang aus dem Geistigen zusammen.

Dies scheint mir der innerste Anstoß zu sein, der von der Sixtinischen Madonna ausgeht: Etwas hereinzustellen, was die Kinder unbewusst schon kennen, nämlich ihre Herkunft aus dem Geistigen, und was sie wortlos  zur Ich-Entwicklung anregt. Es gibt nichts Förderlicheres für ein Ich als sich getragen zu wissen – geliebt,  beschützt und freigelassen zugleich.



[1] Angelus Silesius, Der Cherubi­mische Wandersmann, Erstes Buch 23

[2] Lennart Nilsson, Ein Kind entsteht, 1967; Eine Reise in des Innere unseres Körpers, 1987 Vgl. auch Werner Hassauer, Geburt der Individualität 1984

[3] Rudolf Steiner, Erfahrungen des Übersinnlichen. Die drei Wege der Seele zu Christus, GA 143

Dass das Kind erkennbar einen Heiligenschein hat, wird von vielen einfach nicht zur Kenntnis genommen oder schlicht  als Konvention eingeordnet und nicht als Hinweis dafür gedeutet, dass das Kind bereits durch den Tod gegangen sein muss.

[4] Vgl. Thomas Schipflinger, Sophia – Maria, München-Zürich 1988

[5] Vgl. Rudolf Steiner, Die Suche nach der neuen Isis, der göttlichen Sophia, GA 146. Vgl. auch Sergej Prokofieff, Die himmlische Sophia und das Wesen der Anthroposophie, Dornach 1995

[6] Zitiert nach Thomas Schipflinger, a.a.O., S. 65

[7] Die aussprechbare Seite des Unaussprechlichen, die "Mutter aller Wesen", früher "Tao" geschrieben. Ebd., S. 258, vgl. auch das Tao-te-king von Lao-tse. Man kann, wenn man den oberen Teil des Bildes nimmt und Mutter und Kind mit einem Kreis umschließt, sogar das Yin-Yang-Zeichen erkennen.

[8] Max Stirner, Der Einzige und sein Eigentum, Berlin 1844, das mit dem Goethe-Lied beginnt: „Ich hab mein Sach auf Nichts gestellt“. In den pädagogischen Schriften von Stirner deutet sich bereits ein wesentlicher Ansatz der Waldorfpädagogik an: das Berücksichtigen der Individualität.

1 Kommentar 30.6.12 16:25, kommentieren

pro günter grass

Fabrizio Venturini

pro günter grass

lyrik ist es zwar nicht
lieber günter grass
was gesagt werden muss
doch endlich klare sprache

keine andere regierung
(außer der vorigen in USA)
wird so verteidigt
bei allem unrecht das sie plant

und begehen lässt schon jahrelang
durch ihren geheimdienst
der gar nicht geheim ist
den vielen toten

wer einseitig nennt
was gesagt werden muss
wie einseitig ist denn der
ich pflichte voll bei

aber unterscheide auch
zwischen volk und regierung und macht
nicht die deutschen liefern
uboote GAUbombenfähig

nicht das israelische volk
droht mit angriff
nicht das iranische
will das atomprogramm

gebt netanjahu doch
das bestellte ohne träger
damit er abtauchen kann
ins meer des vergessens

lasst spalten doch
achmineschad
den atompilz
in seinem hirn

nicht aber jubelt schon wieder
der macht zu der listigen
die immer staatssicherheit vorschiebt
wenn sie mordet
 

3.7.12 12:26, kommentieren