Editorial 1

…gegenstrom

die erste

öffentlich-private andere anthroposophische Zeitschrift

Herausgeber, Redakteur und Autor: Fabrizio Venturini

Alle Artikel sind frei und kostenlos zum Herunterladen

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Juli 2012

… gegenstrom   Juli 2012

(Titelfoto: Siegward Sprotte, Salutation to Karl Blechen, 1981)

 

Editorial 1

(30.06.2012)

 

Dies ist der Start einer neuen Internet-Publikation. Die Intention zielt darauf ab, eine „ÖFFENTLICH-PRIVATE ANDERE ANTHROPOSOPHISCHE ZEITSCHRIFT“ (so der erste Titelentwurf und jetzige Untertitel) auf den Weg zu bringen.

Wie kam es zu dieser Idee? Um etwas Distanz wirken zu lassen, könnte man die Antwort in eine Art Romananfang einkleiden und erzählen:

"Nach diversem Ärger mit Redakteuren, die seine Artikel nicht bringen wollten (weil sie zu lang seien / zu spät eingereicht / nicht wissenschaftlich genug / mit zu vielen Anmerkungen versehen, usw.), beschloss er, eine eigene Zeitschrift zu machen und sie frei zugänglich ins Internet zu stellen.“

Welche Absichten stehen dahinter?

Der Herausgeber, ein langjährig tätiger anthroposophischer Dozent, fungiert als Redakteur und Autor zugleich. Er möchte – nicht zur Selbst­dar­stellung, aber authentisch – sprechen und schreiben dürfen über Dinge, die ihn bewegen und über die man so, wie er es sieht und sagt, leider nur Weniges in den vorhandenen Zeit­schriften findet. Es sind in der Regel solche Themen, über die  man in der sich so aufklärerisch dünkenden Gegen­wart am liebsten nur Spärliches und ledig­lich Oberflächliches in die Öffent­lich­keit dringen lassen will. Auch in der anthroposophischen Publizistik, so gewinnt man zunehmend den Eindruck, scheut man sich, über Dinge, die nicht im „main-stream“ liegen, offen zu schreiben. Eine radikal andere Sicht wird behindert. Dem möchte die Zeitschrift abhelfen.

Es sind Beiträge beabsichtigt:

-         Über den Geist, wie er herein wirkt aus der geistigen Welt im einzelnen Men­schen und in Gruppen und wie er vom Zeittrend zu knebeln versucht wird.

-         Über die Seele in seelisch übervollen Schicksalsverhältnissen und im seelenlosen Ka­pita­lismus.

-         Über die Sinne und den Sinn und wie sie vergeudet werden für Unsinniges einerseits und wie sie bei echten An­streng­un­gen für sinnlos erklärt werden andererseits.

-         Über das Ich, Individualität.

-         Über das Wir, anthro­posophische Gemeinschaft.

-         Über Missstände, die man verschweigt.

-         Über Wun­der­bares, das man nicht sieht.

-         Über Großes, das kleingeredet wird und über Kleinliches, das sich groß aufbauscht.

-         Kurzum: Über das Verhältnis zwischen Ich und Ich, Ich und Du, Ich und Wir, Wir und die Anderen und Alle.

Es ist dem Schreiber im Übrigen auch sehr viel an Klang, Rhythmus, Schönheit, Variation und Originalität gelegen.

Ist diese Blogger-Zeitschrift einfach nur sein persönliches Tagebuch?

Nein, sie wird aus in sich abgeschlossenen Artikeln bestehen, die man einzeln herausgreifen kann. Nur das (angestrebt) monatliche Editorial soll die Brücke schlagen von den privaten Notierungen zu den Themen, die Öffentliches behandeln. Öffentliche Angelegenheiten öffentlich zu besprechen, das gehört zur Demokratie. Die individuelle Stimme nicht zu ver­schweigen, das gehört zur Emanzipation.

Es ist kein ideologischer, kein ökonomischer, kein wissenschaftlicher Versuch, sondern eher ein literarisch-poetischer.

Nach Aristoteles hat das Ich zwei Seiten (wie das Gehirn zwei Hälften): einerseits das erleidende Ich (nous pathetikon), andererseits das schöpferische Ich (nous poetikon). Nach Steiner ist das Ich (oder sollte es sein): 1. der Lenker und Beherrscher des Leibes, 2. der Träger unseres seelischen Kleides, 3. das Aufnahmegefäß oder der Kelch für den Geist. Aus dieser Doppelheit und Dreiheit heraus soll gearbeitet werden. (Die Zeit­schrift begleitet auch eine Dissertation über das Ich in der Erziehung.)

Warum nennt sich die Zeitschrift eine "andere" anthroposophische Pub­likation? Wird eine "andere Anthroposophie" angestrebt? Nein und Ja. Ziel ist nichts anderes, als die echt ge­sinnte Anthroposophie, diese hebt sich aber ab von vielen Erscheinungsbildern der Anthro­posophie in der gegenwärtigen Praxis. Die Gefahr lauert, die Anthroposophie "light" zu ma­chen, damit sie gängiger wird. Die Zeitschrift will aber eine "angestrebte Anthroposophie", statt einer "angepassten". Sie möchte weniger der Gegenwart hinterherlaufen, stattdessen mehr die Zukunft vorbereiten helfen, wie es eigentlich die Aufgabe aller anthroposophischen Einrichtungen sein sollte.

Sicher ist die Zeitschrift aus einem gewissen (oben angedeuteten) Unmut entstanden, aber sie möchte nicht solchen verbreiten, sondern Mut machen. Ohne Mut wird nichts gut.

"Leben ist immer lebensgefährlich", sagt Erich Kästner, und so trägt auch das literarische Schreiben, besonders wenn es gelingt, ein Warnschild für den Leser bei sich: "Vorsicht Hochspannung!"

Hier wird das aber nicht im Sinne von schlichter Unterhaltung gemeint und es handelt sich auch nicht einfach nur um Strom, sondern um "GEGENSTROM" – und das ergibt dann einen gleich doppelt ableitbaren Namen für diese Zeitschrift.

"Lernen heißt nicht, sich treiben lassen, sondern rudern gegen den Strom". Dieses altchinesische Sprich­wort zeigt die Richtung der Bemühungen an.

*

Zwei Beiträge stehen im Mittelpunkt dieser Ausgabe: Ein Artikel über die Bedeutung der Sixtinischen Madonna für den Waldorfkindergarten („Hülle oder coolness?" und eine kritische Betrachtung zum gegenwärtig stark forcierten Ausbau der insti­tutionalisierten frühkindlichen Erziehung in Deutschland („Im Zeittrend: die Entkindung der Welt?" Bei beiden deutet sich eine für die anthro­po­sophische Arbeit besorgniserregende Symptomatik an, nämlich dass das Kind zu Gunsten des Geldes aus dem Mittelpunkt gerückt und an den Rand ge­schoben wird.

Man stelle sich vor: Eines der berühmtesten Bilder der Welt ist zum Kennzeichen in der Waldorfpädagogik geworden und jetzt ist dieses Bild 500 Jahre alt und die anthroposophischen Zeitschriften drucken nicht mal einen vorhandenen Artikel dazu ab. Lydia Fechner, die Redakteurin der „Drei“ hatte im Osterheft dieser traditionsreichen anthroposophischen Zeitschrift gestan­den, mit dem Gemälde von Raffael nicht viel anfangen zu können und statt­dessen den „Zinsgroschen“ von Tizian angepriesen. Meine Leserbrief-Ent­gegnung darauf wurde so gekürzt, dass der Eindruck entstand, ich wolle bloß die gedankenlose Einhaltung eines angeblich existierenden anthropo­sophischen Kunstkanons einfordern. Daraufhin schrieb ich dann den jetzt hier eingestellten Artikel, den außer dem Herausgeber der „Christengemeinschaft“ (der mich aber auf Herbst vertröstete), niemand abdrucken wollte. Das war der Anlass zur Selbsthilfe und zum Start von „… gegenstrom“.

Der Artikel zur frühkindlichen Erziehung ist aus der Wahrnehmung entstanden, dass auch anthroposophische Einrichtungen dem propagierten Trend und vor allem den staatlichen Fördergeldern erliegen und immer mehr Krippen und Windelgruppen ausbauen. Alle reden von der erhofften beruflichen Entlastung für die Eltern, aber kaum  jemand fragt sich, was das für die betroffenen Klein­kinder bedeutet, welche Folgewirkungen das hat und wie sich das Ganze aus menschenkundlicher Sicht darstellt. Erreicht man dadurch wirklich eine Saluto­genese? Gäbe es nicht bessere gesellschaftspolitische Lösungen, die nicht auf Kosten der Kinder geht? Ist die Ablösung der Familie als erste Erziehungsinstanz und seine Ersetzung durch die öffentliche Erziehung in institutionalisierter Form tatsächlich ein Weg in die Zukunft? Oder eher das Gegenteil?

Wie erzieht man eigentlich zur Freiheit? Sollten auch Anthroposophen wieder vergessen haben, dass das nur in der Metamorphose geht und am Anfang die Geborgenheit zur Voraussetzung hat?

Will man denn überhaupt noch eine Erziehung zum freien, selbstständigen, individuellen Menschen? Oder fördert man bloß die Anpassung?

Das sind die ständigen Themen von „… gegenstrom“.

 

                           *

 

Damit man sieht, dass auch der literarische Anspruch ernst gemeint wird, und weil die Kampagne gegen Günter Grass inzwischen zu einer gegen das Ansehen und das moralische Gewicht der Dichter und Denker überhaupt geworden ist, wird das im Mai geschriebene Gedicht "pro günter grass" als weiterer Beitrag hinzugestellt.

Fabrizio Venturini

26.6.12 00:25

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